Archiv für den Monat: August 2014

200 Shades of North Korea

Ein Essay über Kritik, Abgrenzung und warum wir aufhören müssen uns gut zu fühlen, nur weil andere noch verrückter sind. Nichtzuletzt, da wir uns dessen gar nicht wirklich sicher sein können.

IMG_0380Wenn in Saudi Arabien eine junge Frau sterben muss, weil ihre Familie ihre Ehre verlieren würde, wenn sie von den männlichen Rettungsfahrern behandelt werden würde, und die Nothelfer deshalb vom eigenen Vater abgewiesen werden, dann verstehen wir die Welt nicht mehr. Wenn die USA nach dem zigsten Amoklauf dieses Jahres zwar immer noch die „Warum mussten diese Unschuldigen sterben?“-Frage stellen, aber sich wegen des beinahe religiös-geschützten zweiten Verfassungszusatzes immer noch nicht wagen, darauf mit einer Reform des Waffenrechts zu antworten, erst recht nicht. Wir schütteln die Köpfe, wenn wir davon erfahren, dass sogar Mörder aus den überfüllten thailändischen Gefängnissen erheblich früher entlassen werden, wenn sie nur ein paar traditionelle Muay-Thai-Boxkämpfe gegen andere Insassen gewinnen. Und wir lachen herzlich, wenn der Milchbubi aus Pjöngjang mit der totalen Zerstörung von Washington, D.C., in einem amateurhaften Video des Staatsfernsehens drohen lässt.

Und das ja auch irgendwie zurecht. Direkt benennen wir die Absurditäten, Widersprüche, Propaganda und Unmöglichkeiten die der (politische) Alltag anderer Länder hervorbringt. Weil wir es können. Wir müssen keine Rücksicht auf die besonderen Befindlichkeiten nehmen, mit denen die Themen in ihrer jeweils eigenen Kulisse diskutiert oder auch verschwiegen werden. Nur, ist das Ausdruck der Fähigkeit, Dinge mit kritischen Augen zu betrachten?

IMG_0382Selten kommen solche Panoramaberichte über das Niveau von Bashing hinaus – und wenn doch, dann nur um genau das Staunen vor der Dummheit anderer irgendwie zu rechtfertigen. Und auch ausgeklügelte Kritiken erfüllen eigentlich auch hauptsächlich die Funktion der Abgrenzung von dem ganz normalen Wahnsinn der Rest der Welt. Zum Glück ist das ja alles bei uns ganz anders.Diese Abgrenzung kommt in vielen Farben und Formen, ist tief in unsrer Natur verankert. Mal ist es blankes Entsetzen und Verachtung, mal mehr Belustigung, gut geeignet für Small Talk auf langweiligen Partys.

Wir können dieser Geschichten gar nicht satt werden, weil sich der Inhalt dieses Wirs, von dem hier die ganze Zeit die Rede ist, so überhaupt erst füllt. Mensch muss ja nicht gleich die klare Freund-Feind-Kiste von Carl Schmitt aufmachen, aber Ego ohne Alter is‘ einfach nich‘. Die Abgrenzung von anderen Gruppen oder Gemeinschaften (in unserem Fall: Staaten) ist hierbei eine mögliche und besonders oft gewählte Form der Identitätsstiftung und Verstärkung. Außerdem steigert sie den kollektiven Selbstwert und rechtfertigt das Anderssein, die getroffenen Entscheidungen.

Wir sollten dabei nur mal gelegentlich unseren Arzt oder Apotheker fragen, denn Risiken und Nebenwirkungen hat gerade die unüberlegte Anwendung des Prinzips einige. Fremdenhass zum Beispiel. Wir vergessen aber vor allem über diese Lach- und Sachgeschichten unsere eigene gesellschaftliche Betriebsblindheit. So ist unsere Stimme der unverblümten Kritik da, wo sie auf Gehör stoßen und Augen öffnen würde, seltsam still.

IMG_0383Im Land der Sozialen Marktwirtschaft sammeln Rentner*innen auch in klirrender Kälte Pfandgut. Währenddessen will eine Lobbyorganisation mit Hauptsitz in Bundestagsnähe  durch tendenziöse Umfragen den Eindruck erwecken, dass die Bundesbürger*innen weitere Steuersenkungen für Großunternehmen unterstützten. Der Widerspruch fällt wenigen auf. Lange genug hat’s schließlich auch gedauert, bis die fantastischen Berechnungen über das neue Wirtschaftswunder via Freihandelsabkommen mit den USA infragegestellt wurden. Genauso bei der Friedensmacht-Festung Europa.

Natürlich ist das Wahnsinn. Natürlich ist da auch öffentliche Aufregung. Aber irgendwie gehören die eigenen Lügen immer fest zum System. War ja schon immer so und so falsch ist das ja auch gar nicht. Dadurch werden sie schneinbar entschuldigt – bis zum nächsten symbolischen Aufruhr jedenfalls. Und über die längst-etablierten Wahrheiten unserer Gesellschaft muss ja sowieso nicht gesprochen werden. Diese fließen als stille Annahmen in die Diskussion ein.

IMG_0381Ich glaube es wäre viel gewonnen, wenn wir den Ideologen unserer Zeit ihre Spielzeuge wegnehmen würden. Das heißt starre Glaubenssätze doch einmal mehr hinterfragen, gnadenlos Widersprüche zwischen proklamierten Werten und ihrer vermeintlichen Umsetzung aufzeigen. Kritik ist am effektivsten und zeigt einen Ausweg am besten auf, wenn sie die geltenden Regeln missachtet. Überhaupt ergibt sie nur  Sinn, wenn sie dem Status quo nicht pauschal unterstellt, einen zu haben. Wenn Kritik nicht aus der Logik des Problems ausbricht, macht sie sich zu seinem Komplizen.

Aber dazu müssten wir den Mut aufbringen, die Welt als Abstufungen Nordkoreas zu begreifen und uns die Frage stellen, wofür die massiven Militärparaden bei uns stehen, welchen Glaubensbildern wir hinterherlaufen.