Archiv für den Tag: 14. Juli 2014

Warum ich nicht wissen will, was Sie wissen müssen

Eine kurze Brandschrift über einen beunruhigenden Trend im Online-Journalismus.

Gestern ist es ziemlich spät geworden. Geil, das DFB-Team hat den Weltmeistertitel geholt. Trotz der Erschöpfung von Spiel und allem, was danach kam, stand ich gleich nach dem Aufwachen kerzengerade im Bett. Was war geschehen? Gaza-Krieg. Maut. Karstadt. Und noch acht Dinge.

Diese Zusammenstellung von jüngsten Ereignissen, die kaum mehr über eine Aufzählung hinausgeht, hat mir Spiegel Online zum Start in die Zeit nach der WM angeboten – besser: aufgedrängt.

„Jetzt haben Sie vier Wochen lang Fußball geguckt – aber was ist in dieser Zeit eigentlich sonst noch Wichtiges in der Welt passiert? Der schnelle Überblick, damit Sie wieder mitreden können.“

Woher will denn der Herr Demling (der Verfasser dieser journalistischen Perle) wissen, in welchem Ausmaß König Fußball mein Leben regiert hat, frag ich mich kurz mit Augenzwinkern. Hach, aber der meint es nur gut mit mir. Fürsorglich bereitet er mir die Konversationsthemen der nächsten Tage schon mal auf. Nett, oder? Überhaupt nicht! Und so kam es, dass ich wütend auf mein Smartphone blickte, obwohl ich eigentlich noch meine Müdigkeit ausleben wollte. Einfach unverschämt.

Und das nicht zum ersten mal. Der Artikel gehört zu einer neuen Gattung, die Lesende durch Bevormundung, Stereotypisierung und einer gehörigen Unterstellung von Faulheit und Ignoranz beleidigt. Meist betitelt mit „Drölf Dinge, die Sie über XYZ wissen müssen“, bereiten sie dann ein Thema oder ein Ereignis mit den rudimentärsten Fakten auf. Dazu noch eine Prise vorwurfsvolle Paternalisierung und anmaßende Bewertungen ohne Raum für eigene Gedanken und fertig ist das Presseerzeugnis für die entmündigte Leserschaft.

Mich regt das aus Gründen auf. Erstens, weil es die falsche Antwort des Journalismus auf das Überangebot an Information im Netz ist. Es ist wahr, dass viele Menschen in der täglichen Artikelflut den Überblick verlieren, genauer den Blick aufs Wesentliche im Wald der Berichterstattung, sich immer oberflächlicher informieren. Aber führt nicht so ein Reader’s Digest dazu, dass der Problemdruck nachlässt und entsprechende Fähigkeiten zur Wissenextration gar nicht ausgebildet werden? Diese Form des Artikels bietet keine Lösung des Problems an, sondern macht es nur individuell erträglicher.

Zweitens, weil es einen wirklich herablassenden Blick der Redaktionen auf die Leserschaft offenbart. Nun, wahrscheinlich liegen sie noch nicht einmal wirklich daneben mit der Einschätzung, dass viele sich während der WM und sonst auch nur unzureichend mit dem Weltgeschehen auseinandersetzen. Das „Was Sie wissen müssen“ spricht dem Lesenden im selben Zug leider auch die Fähigkeit ab, diesen Zustand zu ändern. Ein möglicher Lernprozess wird abgehackt, bevor er überhaupt begonnen haben kann.

Stattdessen wird eine informationelle Abhängigkeit zwischen denen, die wissen, und den anderen, die wissen müssen, aufgebaut. Letztere sind gar irgendwann außerstande, Informationen noch selbstständig zu verarbeiten und in einen Kontext zu setzten. Sie sind konditioniert auf das Nachrichten-Präparat.

Demokratische Presse geht anders und muss anders gehen.  In der arbeitsteiligen Gesellschaft ist es die Aufgabe der Medien, Informationen bereitzustellen. Den Menschen das Denken – also das umfassende Bewerten und Gewichten dieser Informationen – abzunehmen, geht zu weit und führt in die Unselbständigkeit des Geistes. Deshalb bekommen diese Artikel keine Klicks von mir.