Die 100-Stunden-Woche

von Stevan Cirkovic

Um gleich zu Anfang jeden Zweifel auszuräumen: Das ist keine Forderung nach 100 Stunden Erwerbsarbeit in der Woche wie zu Hochzeiten der Industriellen Revolution. Am Montag riefen 100 Politiker und Wissenschaftler zu zehn Stunden weniger Arbeit pro Woche bei gleichem Gehalt auf. Im Folgenden möchte ich darlegen, warum wir uns als Gesellschaft eingestehen müssen, dass ein Großteil unserer Arbeit außerhalb der klassischen Erwerbsarbeit stattfindet – und warum die 30-h-Woche keine Antwort auf neue und alte Herausforderungen sein kann.

Nur sechs Stunden an fünf Tagen in der Woche arbeiten zu müssen klingt doch nicht schlecht, oder? Abgesehen davon, dass der Vorschlag der akademisch-politischen Hundertschaft ein wenig entspannende Tagträumerei in den öffentlichen Diskurs eingebracht hat, beleuchtet er dankenswerterweise endlich eine dunkle Ecke im politischen Gewissen Deutschlands. Es ist die Tatsache, von der jeder weiß, dass sie existiert, aber die niemand aus der Deckung zu holen wagt: Immer mehr Menschen konkurrieren um immer weniger Arbeitsplätze. Vollbeschäftigung ist eine Illusion, die man sich als mündige(r) Bürgerin oder Bürger nicht mehr auftischen lassen sollte. Es ist der Verdienst der aktuellen Debatte um die Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit, dass wir nun darüber sprechen. Mehr bringt die kleine Schönung der Arbeitslosenstatistiken aber auch nicht. Dann wäre nämlich eine drastische Steigerung der Reallöhne nötig, um die faktische Arbeitszeitverkürzung monetär zu kompensieren. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müsste das bei den sogenannten Lohnnebenkosten wieder eingeholt werden. Damit schneiden wir in unser ohnehin schon sehr grobmaschiges soziales Netz große Löcher bei der Finanzierung.

Es sollte bei der aktuellen Debatte aber nicht nur um Arbeitslosigkeit gehen. Auch nicht primär darum, dass der Status quo weder für den Staat noch für die zu Unrecht stigmatisierten Transferleistungsempfänger wünschenswert ist. Ganz nebenbei sind wir alle ein bisschen Empfänger, ob von Kindergeld, Pendlerpauschale oder – selbstverständlich – des Bildungssystems. Das Thema von Interesse ist daher Arbeitslosigkeit. Arbeit als Ganzes. Und die wird auf viel zu wenige Aspekte beschränkt und in noch weniger Bereichen entlohnt. Die Wahrheit ist nämlich, dass wir tagtäglich mehr Leistung für unsere Familie, den Verein, eine wohltätige Organisation, Bildung und Selbstverwirklichung erbringen als für unseren Arbeitgeber. Menschen sind wahre Arbeitstiere – auch wenn manche Fernsehprogramme es anders vermuten lassen – und vierzehn Stunden Aktivität am Tag ganz gewöhnlich. Auch wenn bei Manchem das Ich im Mittelpunkt steht, kommt auch diese Arbeit mindestens indirekt der Gemeinschaft vielfach zugute. Gegenwärtige Methoden der Entlohnung lassen aber einen Großteil dieser Arbeit durchs Raster fallen, weil sie volkswirtschaftlich nicht erfassbar sind. Das Problem: Menschenwürde ist es auch nicht.

Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE), wie es derzeit in den meisten bundesdeutschen Parteien diskutiert wird, kann eine Lösung für die bitteren Konflikte sein, mit denen sich viele konfrontiert sehen.»Kann ich jahrelang studieren oder sollte ich lieber etwas machen, bei dem ich gleich Geld in der Tasche habe?« »Kann ich für meine Kinder da sein oder darf ich den Anschluss im Berufsleben nicht verlieren?« »Muss ich mich wirklich vor dem Amt weiter entblößen oder sollte ich den schlecht bezahlten Job annehmen, von dem ich niemals gedacht habe, ihn einmal machen zu müssen?« »Kann ich meine kranken Eltern selbst pflegen?« Das sind Fragen, die jeder frei von Sorgen um das Nötigste für sich beantworten können sollte. Die Einführung eines BGE wäre sicher eine »Generationenaufgabe«, wie es Marina Weisband genannt hat, und es gibt eine große Varietät von Modellen zu betrachten. Doch der große Verdienst all dieser Überlegungen ist noch nicht einmal, dass viel an bürokratischem Aufwand durch die „All-in-one“-Sozialleistung eingespart werden würde. Auch nicht, dass das Individuum an Wahlfreiheit gewinnt und Behördengänge sinnlos werden würden. Das BGE wäre der Lohn für die 100 Wochenstunden vielfältiger Arbeit für die Gesellschaft, die endlich und indiskriminant gewürdigt werden würden.

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